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Der Tod und das Sterben

 

Wir wissen, dass wir „eines Tages“ sterben müssen, dass der Tag kommen wird, an welchem wir dem Tod nicht entgehen können. Woher wir das wissen? Ganz einfach, es ist noch kein Menschenwesen in diesem Universum geblieben; so wie die Menschen gekommen sind, gehen sie auch wieder.

Der Tod und das Sterben sollten also als natürlich in unser Leben integriert sein, sind sie  jedoch nicht!

Ich habe das niemals so deutlich gespürt, wie in der Zeit, als ich die todbringende Diagnose bekommen habe. Wie vom Blitz getroffen, panisch und völlig hilflos hat mein Verstand reagiert und sofort mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln nach Auswegen gesucht, nach Möglichkeiten, dieses Schicksal abzuwenden. Diese Überlebensstrategie ist zunächst in unserem Stammhirn schon aus der frühesten Entwicklung des Menschen etabliert und setzt einen Fluchtmechanismus in Gang, der alle Muskeln, die zur Flucht nötig sind, automatisch in Bereitschaft versetzt.

 

Ich bekomme ein Gefühl dafür, wie phantastisch die unzähligen Zellen meines Körpers zusammengearbeitet haben, wenn ich nun beobachte, was der Ausfall einzelner Zellen bedeutet. Bei der Krankheit ALS sterben Nervenzellen, welche für die vor allem unwillkürliche Steuerung der Muskeln unseres Körpers zuständig sind. Es versetzt mich in Erstaunen, wie viele unterschiedliche Muskeln ich in meinem Körper habe, bewusst wahrzunehmen erst durch den Ausfall der Steuermechanismen.

Atmen

Atmen ist das dramatischste Beispiel: Niemand macht sich im normalen Alltag Gedanken darüber, ob und wie er atmet; das ist ein automatisierter Vorgang, um den Körper am Leben zu erhalten. Wache ich nachts auf und bemerke, dass ich gar nicht mehr atme, so versetzt mich das immer noch in Erstaunen.

Schlucken

Schlucken ist nur marginal weniger bedrohlich: Wenn der Kehlkopf-Deckel nicht mehr schließt, wenn also der Automatismus verloren gegangen ist, der die Luftröhre gegenüber der Speiseröhre abschließt und so die Luftröhre gegen Fremdkörper absichert, ist die Wahrscheinlichkeit zu ersticken oder eine Lungenentzündung zu bekommen, sehr hoch. Dagegen ist die Verletzung von Zunge, Wangen, Lippen durch unkontrolliertes Zubeißen, eher lästiges, wenn auch oft blutiges Beiwerk.

Sprache

Wenn das hochsensible Zusammenspiel der Muskeln in diesem Bereich nicht mehr funktioniert, ist auch die Sprache beeinträchtigt, einmal durch die Langsamkeit der Zunge zum anderen die Koordination des Luftdrucks, der zum Sprechen notwendig ist.

Extremitäten

Die Extremitäten: Aufstehen, sich hinsetzen, losgehen, stehen bleiben, nach etwas greifen, es halten, es wieder absetzen, sind ebenso automatisierte Vorgänge, um deren Ablauf sich ein gesunder Mensch keine Gedanken macht und auch nicht machen muss.

Mein Verstand weiß, wie diese Abläufe vonstatten gehen, wenn es also automatisch nicht mehr geht, steuere ich doch einfach bewusst und muss sehr schnell einsehen, dass auch die bewusste Steuerung wegen der fehlenden Nervenzellen nur bedingt und unter höchster Konzentration gelingt.

Realität

An dieser Stelle kann ich erstmal nicht weiterschreiben. Mir wird furchtbar übel, die Verschleimung auf der rechten Gesichts- und Halshälfte droht mich zu ersticken, eine starke innere Unruhe erfasst mich. Ich muss zur Toilette: Also aufstehen aus dem Rollstuhl, mich zur Toilette drehen – oh ja, das Drehen scheint ein höchst differenziertes Muskelspiel zu sein, es ist so unglaublich schwierig – hinsetzen, ach nein, davor kommt das komplizierte Spiel, die Hosen herunterzuziehen. Um nicht umzukippen, kommt nur eine Hand dazu in Frage. Dann wieder aufstehen, drehen zum Rollstuhl und das noch kompliziertere Spiel, die Hosen wieder hoch zu bekommen. Dabei bin ich oft bis zur Verzweiflung erschöpft. Sitze ich ohne Sturz wieder im Rollstuhl, gibt es erstmal ein kleines Glücksmoment.

Das Alles ist also Sterben – Sterben auf Raten.

Manchmal habe ich wirklich die Faxen dicke, jeden Tag aufs Neue und jede Nacht aufs Neue meinen Körper vor sich hin sterben zu sehen und zu fühlen und alle Herausforderungen, die damit verbunden sind, als Qual zu erleben.

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DagmarKrummland

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